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Kenavo oder eine Reise mit tödlichem Ausgang. Roman.

(Kenavo - Betonung auf der letzten Silb ist bretonisch und bedeutet Au revoir...)

Nachfolgender Text ist eine Passage, die noch nicht ihen Platz gefunden hat. D.h. irgendwann kommen neue Passagen gleich Puzzleteilen dazu, und irgendwann - so hoffe ich - wird es ein ganzes rundes oder ovales werden: on y va))))

 

Postkarte aus Brüssel, lieber Odo, bin zufällig inmitten von Lobbyisten, die mit irgendwelchen „anonymen“ Europaabgeordneten zu Mittag speisen, geraten. Es ist verblüffend – oder nicht??) wie offen da über Details von Getzeslücken gesprochen wird, also „Schlupflöcher“ zugunsten von agrarindustriellen oder Pharmakonzernen oder Autokonzernen und anderen Interessenverbänden. Die Speisekarten haben offensichtlich einen entsprechenden „Aufschlag“, denn das billigste Menü weist einen Preis von 85 Euro auf. Irgendwann mal später mehr. Meine Dinner-Rechnung betrug 45 Euro!! Einschließlich eines Merlot o,3 l. Dein M.

Zwischenpassus 2: Aus den „Schwarzen Notizen JPs“:

In den Falten der Nacht verbirgt sich der Tod. Er hat ständig zwei Begleiter an seiner Seite. Du denkst es sei der Tod, denn sein braunledernes Gesicht ist umhüllt von einem Wüstenschleier und statt seiner Augen erblickst du schwarze unergründliche Höhlen, wulstige Lippen umspielen ein rätselhaftes Lächeln. Als einer seiner Begleiter auf dich deutet, indem er ständig mit dem Zeigefinger auf deine rechte Schulter tippt, als wolle er sagen, „dieser ist es, diesen da !“ schüttelt er das mächtige Haupt und bedeutet „jetzt noch nicht“ und wendet sich lässig ab, als löse er sich im Nichts der Dunkelheit auf, Du öffnest gewaltsam die Augen, um zu sehen, wo diese Nachtgestalten verblieben sind und siehst nur die Nachtlichter im Park vor deinem Zimmerfenster. Wenn du die Augen wieder gewaltsam schliesst, rollt der Wüstenfilm wieder ab, wälzt sich über Decke und Wand zu deinem Bett, verharrt in grossflächigen Bildern, zeigt Frauengestalten, klischeehaft verhüllt wie die Vervielfältigungen biblischer Gestalten, an den Wegrändern aber befinden sich männliche Leichen, die Frauen gehen mit abgewandten Gesichtern daran vorbei und rufen die tobenden Kinder zur Ordnung. Unfähig jene brutalen Sequenzen zu ertragen, öffnest du wieder die Augen. Du kannst dich nicht auf die Seite drehen, weil die Brustwunden zu sehr schmerzen. Auf dem Rücken liegend atmest du durch die Nase im Versuch, ganz tief in den Bauch zu atmen und so entspannt den Schlaf zu finden. Wenig später schreckst du verwirrt hoch, weil ein riesiger Rabe sich auf deine Brust gesetzt hat und dich mit dem blauglänzenden Schnabel zu küssen versucht. Du hast keine Angst, sondern es ist das Gewicht, das dich zu erdrücken droht; so klingelst du nach dem Nachtdienst, der auch Minuten später vor dir steht und dir das Medikament verabreicht, damit du einschlafen kannst, was denn auch dir für fast zwei Stunden Ruhe gibt. Doch wälzest du dich ab 5 Uhr von einer Seite zur anderen, was du nicht lange vor Schmerzen aushältst, dich dann an den Tisch am Fenster schleppst ,um dort den Apfel aufzuschneiden und Stückchen für Stückchen zu verzehren. So eine halbe Stunde etwa, dann wieder ins Bett, dort eher aufrecht sitzend im Halbschlaf dösend, den frühen Morgen erwartend: halb sieben, gehst du regelmässig zum Blutdruck messen, danach schwinden die Ängste mit dem Rückzug der Nachtmahre, die ja das Tageslicht scheuen wie die Kellerasseln.


JP philosophiert weiter: „Konfigurierst du ein neues Ich, das entschwunden ist zwischen den narkotisierten Zellmembranen? Zucken deshalb deine Hände vergeblich und machen die Pfleger nervös, deren militärische Befehlstöne jetzt ins scharfe Diskant kippen!? Bist du hier oder fort? Du befürchtest die Auflösung deines Körpers und willst dich deshalb von all den Schläuchen und Kabeln befreien, was dir gewaltsam von den Pflegekräften verwehrt wird, die verzweifelt den Stationsarzt alarmieren, der dir wieder eine Spritze verpasst, die dich in ein weiteres Nirwana schickt und du wieder Filme siehst: dieses Mal sind es Indianerfrauen, die vor riesigen Tipis in Kesseln rühren, die auf offenen Feuerstellen an Ketten aufgehängt hin und her schwanken, Hunde laufen herum, halbnackte Kinder hinterher, Männer in Wollumhängen und die Kalumet rauchen sitzen abseits, alles in Schwarzweiss und stumm.

Später beschwerst du dich, dass ständig Filme aus den Monitoren flimmerten, die dich beunruhigten, bis der Arzt dir Beruhigungsmittel geben lässt. Es seien die Narkosemittel, deren drogenhafte Mittel diese Bilderfluten verursachten; ein Anti-Halluzinogen würde dem Abhilfe schaffen.

Transparenz der Erinnerungen: schemenhaft, irgendwie kraftlos: die Nâchte sind zerschnitten im Minutentakt, wenn die Tür aufgeht und das Nachtpersonal die Monitore kontrolliert, schlaflos mit müden Augen und schwachen Gliedmaßen lässt du dich wieder zudecken, nachdem das Gewirr der Schläuche entzerrt wurde. „Bleiben Sie jetzt mal ruhig liegen und zappeln Sie nicht andauernd rum“; du seufzest: Wenn der Tod bitte auch nach draußen gehen möge! „Reden Sie kein dummes Zeug! Du kannst dich noch nicht mal auf die Seite legen, um das Gesicht abzuwenden, ob des Unverständnis auf allen Seiten. Kaum ist die Tür wieder zu, das Licht im Dämmerzustand, kommen die Nachtmahre wieder, die nur dann auf Distanz sind, wenn du das Bett hochfährst, um aufrecht zu sitzen...

Atemkontrolle, tief in das Zwerchfell, die Zehen bewegen und die Monitore beobachten, ob daraus wieder die Indianerfilme kriechen, oder die Palästina-Sequenzen, Wüste, verschleierte Gestalten, spielende Kinder, verkrümmte Gestalten am Wegesrand, Tote, Frauengestalten legen ihnen Steine auf die leblosen Stirne. Hier, nehmen sie das mal, dir wird ein schnapsglas kleines Plastikbehälterchen gereicht, gefüllt mit einer gelblichen Flüssigkeit; ist ein Mittel gegen Halluzinationen, das brauchen Sie jetzt. Heißt auch noch „Halo“, toll! Du trinkst und schluckst. So, und jetzt wird geschlafen! Du zuckst die Achseln, soweit es dir möglich erscheint. Lässt aber verzweifelt die Augen geöffnet , aus Angst , dass die Filme wieder abrollen hinter den geschlossenen Lidern.


Absatz 365??

Mogli denkt darüber nach, ob Pflanzen gestreichelt werden wollen, also ein Sensorium für Zuneigung besitzen. Seine Mutter, so erinnert er sich plötzlich, war felsenfest überzeugt, daß ihre Geranien beleidigt wären, wenn sie nicht jeden Abend einen Gute-Nacht-Gruß gesagt hätte. Wie sich das denn geäußert hätte? Die „Blätter hängen lassen“? Nein? Schlimmer! Die Blütendolden hätten ihre Blätter Stück um Stück regelrecht abgeworfen! So dass am Ende nur die Stempel anklagend hervorgestanden hätten.


Zur Internatszeit habe Odo Graf Knickerbocker und Haferlschuhe und eine schrecklich braunkarierte Jacke getragen, in der Innentasche habe er ständig die neueste Comic-Ausgabe von „Nick Knatterton“ getragen. Klar dass sein „Nick-Name“ Nick Knatterton lautete. Um den Witz zu pointieren, einigten wir uns, ihn Nick Knatter zu rufen. Wenig später mutierte es im echten „Amerikanismus“ zu Knatt , ausgesprochen KNÄTT , mit dem breiten schwäbischen „Ä“ dazwischen. Was übrigens Odo überhaupt nicht zu stören schien. Im Gegenteil, es feuerte ihn wohl an, derart, dass er es sogar zu einem anerkannten „Ermiitler“ auf Internatsebene schaffte, mit einigem Erfolg! Hatte er doch auf der Spitze seines Ansehens etliche mysteriöse Diebstähle aufgeklärt. Ja, die Sache mit dem Moped von Joe , war ebenfalls von ihm gelöst worden: Bürschle wurde relegiert. Mogli aber durfte bleiben. Was wohl seine Freundschaft mit Knätt vertiefen half.



Markus hob die linke Hand, an dessen Ringfinger ein auffälliger Weißgoldring funkelte. Odo nickte ihm zu: „Ja“?

Wenn wir schon dabei sind, unseren Freund zu filetieren“ (abwehrendes Grummeln aus den Polstergruften) – er zeigte seine Handfläche in diese Richtung; „Kurz und gut – ich erinnere mich an das Gespräch, das wir beide am Tag nach der Abifeier geführt hatten. Wir warteten auf unsere Eltern, die uns abholen sollten. Es ging um unsere Zukunft. Mogli sagte, dass er sich freute auf sein Bibliothekarsstudium, ja auf die Arbeit an irgendeiner öffentlichen Bücherei irgendwo In Deutschland, möglichst nördlich von Stuttgart, denn hier im Allgäu sei es ihm doch zu provinziell. Und nun kam es überraschend für mich, was ich nie und nimmer erwartet hatte. Es sprudelte gleichsam aus ihm heraus, ganz nach dem Motto „Wes deas Herz voll ist, des läuft ihm der Mund über“: ja, dass er zudem Angst hätte, und dass es wahnsinnig Kraft koste, diese Angst täglich , ja stündlich neu zu überwinden, dass er oft hämmerndes Herzklopfen hätte, wenn er vor einer Aufgabe stünde, egal welcher Art, ob es beim Sport oder in Biologie, ja sogar nur ein Gedicht vor der Klasse aufzusagen, dass er vor Anstrengung zitterte, um ruhig zu erscheinen, den Gelassenen und Starken zu mimen, zu lachen, wenn es ihm nach Heulen zumute wäre, dass er Angst habe das Studium nicht zu packen, dass er Angst vor seinem Vater hätte, der ihn Träumer und Fantast schimpfte und seine Berufswahl eine brotlose Kunst bezeichnete, dass nur die gerechte Wut über solchen Unsinn, seine Ängste klein hielten, dass er kurioser Weise auch Angst hätte, als Asche in einer Urne von Ewigkeit zu Ewigkeit eingesperrt sein zu müssen, dass er tatsächlich überlege, in ein Land auszuwandern, wo es dem Toten überlassen bliebe, wo seine Asche verstreut würde und keine Kirchenlobby vorschreiben könnte, auf einen Friedhof verbannt zu werden. Ja es käme ihm ständig vor, dass diese sogenannte Geistlichkeit eher mit dem Tod zugange wäre als mit dem Leben hier, denn man spräche hier (und er wies mit beiden Händen auf das „Schloss&ldquo doch eher vom „ewigen Leben“ also vom Jenseits als vom Diesseits. Und dann als hätte er einen inneren Hebel umgelegt, lachte er und umarmte mich herzlich und sagte es ist so jammerschade, dass du in Bayern bleiben willst und in deines Vaters Architektenschuhe hineinwachsen willst. Denk ein bisschen an deinen Bücherwurm ab und zu wenigstens. Ich werde mich irgendwo an die Nordsee orientieren. Dann kam schon das Auto meiner Mutter um die Ecke in den Schlosshof gebogen. Ganz Galan begrüßte er meine Mutter und lobte sie für ihren tollen Sohn und ging dann Richtung seiner Koffer, die da ziemlich trostlos auf dem Rasen platziert standen, denn da knatterte auch schon ein altersschwacher DKW heran, gefahren von einem Kollegen seines Vaters, denn weder Vater noch seine Mutter hatten wegen ihres Friseurgeschäftes Zeit die Fahrt zu machen, zumal sie auch noch kein Auto besaßen. Der kleine Mogli“ seufzte Markus und hob sein Glas winkend zur Urne auf dem Sideboard, „er war und blieb mit seinen knapp 160 Zentimetern doch unser Winzling in der Klasse. Was macht ihr denn mit seiner Asche“, fragte er, sich plötzlich wieder an Sandrine und Odo wendend.

Plötzlich hörte man die riesige Wanduhr, deren Sekundenzeiger gemächlich seine Runde machte. Nein, die Zeit ist nicht stehen geblieben. Sandrines helle Stimme sorgte dafür, dass nichts anbrannte: „Wir sind nächste Woche in der Bretagne, dort wird er in der Bucht von Morlaix dem Gezeitenstrom übergeben. Es ist alles schon von meiner Schwester arrangiert“.

Bravo“ rief Richard mit seiner Bärenstimme und klatschte in die Hände. „Ja, bravo, riefen alle. Lasst uns anstoßen auf ein lange Erinnerung. Die Gläser klirrten mit langanhaltendem Echo. Unversehens stand Richard auf und streichelte bedächtig seinen methusalemischen Bart, der schon lange sein tizianrot gegen das Altersweiss verloren hatte.

es stimmt“ - seine Stimme wurde plötzlich weich und nachdenklich. „Angst war ein bestimmender Faktor in seinem Leben. Ich denke an seine Auftritte bei den Personalversammlungen, bei Delegiertenkonferenzen, bei Gewerkschaftsdemonstrationen, wenn er da vor dem Mikrofon stand und schneidende Attacken gegen seine Gegner, die Vertreter des blutsaugenden Kapitals, und ohne Papier druckreife Ansprachen hielt, die riesigen Beifall evozierten. Leute! Richard wandte sich an die lauschende Gruppe, die plötzlich sich aufrichteten, man konnte es nicht glauben, dass er nur Minuten vorher zu mir am Tisch flüsterte: ich glaube, ich krieg kein Wort raus, das Herz klopft mir schon bis ans Zäpfchen! Ja, (Richard lachte) er sagte tatsächlich immer „Zäpfchen“, da er auch in solchen Minuten immer ein besondere Wortwahl bevorzugte; Ich glaube es war ein psychologischer Trick, um sich dann ins Getümmel, sprich an die Mikrofone zu stürzen! Danach nämlich, wenn wir unsere „Siege“ feierten, zeigte er mir seine Handflächen, die noch schweißnass waren . Was hatte er nur für eine Kraft, die sich dann auch als Überzeugungskraft auswirkte, weil sie offensichtlich authentisch war!“ Richard hob das wiedergefüllte Glas zur Urne hin und sagte „auf den alten Kämpfer – Friede deiner Asche!“ Er setzte sich und hatte Tränen in den Augen.

Odo, der selten länger als 1 Minute Stille aushielt, beschäftigte sich angelegentlich mit seiner Davidoff, die er umständlich aus einem hübschen Sandelholzschatulle fingerte und diese stumm herum reichte. Roland und Markus bedienten sich ebenfalls , die anderen lehnten dankend ab. Während dieser „Zeremonie“ blieb es still im Raum, gefühlte 30 Minuten blies man weiße Wölkchen an die Zimmerdecke, die mittlerweile von drei Strahlern

angeleuchtet war.

Wie von ungefähr kam aus den riesigen Lautsprechern die Stimme des Verstorbenen:

Ich habe das Gefühl für die Zeit verloren. Irgendjemand versucht mir einzureden, dass ich die Augen öffnen solle. Da bin ich mir auf ein Mal nicht sicher, ob ich nun doch in Brest operiert worden bin und antworte auf Französisch. Oder warum sprechen die mich auf Deutsch an? Monsieur M? Oui? Es gelingt mir mühsam, halbwegs die Lider zu heben, flackernd wie erlöschende Kerzenstummel. Am rechten Handrücken, scheint mir jemand etwas mitteilen zu wollen. Es ist Sandrine? „Bonjour ma Belle!!! Tu est là? J'ai mal partout! Pourquoi je suis içi? Qu'est que s'est passé avec moi? On m'a opéré au coeur? Pourquoi? Une opération d'urgence? Sandrines Stimme in meinem Ohr , im Kopf wo noch? Ich schlafe? Ich träume. Panik, weil ich voller Schläuche bin :Laokoon? Bin in der Wüste, auf dem Sinai?

Männer in weißen Togen umstehen mich, sie wollen, dass ich ihnen folge. Es ist aber ein Widerstand in mir, der mich säulenhaft festhält. Ein sonnengeledertes Antlitz über mir, jedenfalls sehr nahe an mir, das Augenöffnungen ohne Augen besitzt. Gleichwohl ist das Lächeln um seinen schmallippigen Mund eher freundlich zu nennen. Empathisch? Er schüttelt den Kopf? Nimmt die rechte Hand hoch und winkt die Begleiter zur Seite. Sie entfernen sich. Schattenhaft im grellen Licht der zenitenen Sonne lösen sie sich schemenhaft auf. Filmsequenzen im samtenen Sepiaton: vor indianischen Tipis Feuerstellen mit riesigen eisernen Töpfen, die an hochgestellten Gestängen gekettet sacht hin und her schwingen, Indianerinnen mit riesigen Kochlöffeln rühren die Suppe (?), Halbnackte Kinder (schreiend?) jagen sich um die Wette, im Hintergrund federgeschmückte Reiter mit Speeren (?) im gemächlichen Trab, glutrote Abendsonne, schwarzgezackter Waldesrand darunter, ein einsamer glühender Stern , doch die Venus?

Ich öffne verwirrt die Augen , sehe, dass ich in einem riesigen Saal liege, dicht verkabelt, um mich herum Stöhnen, Rufe, Befehle? „Lassen Sie die Arme unten, Frau... oder soll ich Sie festbinden? Halloooo! Sie da? Lassen Sie die Kabel in Ruhe oder wollen Sie abkratzen, Sie sind ja total unkooperativ, ich glaub, wir müssen Sie stilllegen.... oooh Gott, der pisst ja! Schnell, das Urinal, aah ist das ein Saustall, jetzt kommt noch das Röntgen dran, muss das jetzt sein??? Anja! Schieb die Platte drunter, hilf mal, nimm das Ding da weg, jetzt hoch Herr.... ja ist ein bißchen kalt, Atem anhalten, jetzt holen Sie mal tief Luft und … stop, und weiter atmen, hoch jetzt, nimm die Platte weg, soooo alles ok, können jetzt weiterschlafen, iss ja alles gut so , einen Schluck, jaaa toll, viiiiel trinken, wird dann gleich viel besser!!!

Filme? Hier? Herr... ich gebe Ihnen jetzt ein paar Tropfen, das hemmt Ihre Halluzinationen, nicht wahr? So und jetzt wird geschlafen, versuchen sie mal tief in den Bauch zu atmen, jaja, ich weiß, das tut noch weh, man hat sie ja ganz schön aufgeschnitten, muss ja alles wieder zuwachsen, wird schon werden, immer noch Schmerzen? Sie haben schon soviel Medikamente intus, ich kann Ihnen nur noch Zäpfchen geben, wollen Sie, manche Männer mögen das ja nicht, Sie ja? Ok, drehen Sie sich mal um, sooo, , wird gleich besser gehen. Sonst klingeln Sie, ich komm' dann sofort.“

Odo, stellte die Stimme ab;

 

  1. Einschub ohne Seitenangabe:

Aissa (auch: Alionne oder Nafissatou, genannt Nafi) oder die 2.Reifeprüfung in Paris (Brief an Odo)


Lieber Odo, ich schreibe dir aus Paris! Stell' dir vor, ich habe kurz entschlossen Peter zu-gesagt, ihn bei seinem Vorhaben, in Paris zu arbeiten, um an Ort und Stelle, Französisch zu lernen, weil er „partout“ kein Altsprachler werden wollte, trotz seiner Einsen in Griechisch und Latein ,sowie der AG-Teilnahme an der Hebräisch-AG – was ja allen den Blick zum Himmel zwang, wie du dich vielleicht noch erinnern kannst. Glaubten wir dann doch ausnahmslos, dass es ihn „gepackt“ hatte und er nun sich der Priesterweihe unterwerfen würde: Aber nein ! Es wird dich erstaunen, er wollte ausgerecchnet im Sündenpfuhl, wie unser Lateinlehrer immer Paris zu bezeichnen pflegte, eine Sprache lernen, von der wir in unseren Klosterjahren null Ahnung vermittelt bekamen. Naja du wirst jetzt die nächsten 12 (!) Wochen regelmäßig Bericht erhalten, was wir beide erleben, zusammen und jeder für sich, (soweit ich die Erlebnisse Peters mitbekommen werde).

Die Fahrt dahin per Autostopp war das erste Abenteuer. Du kannst dir vorstellen, wie wir beide an der Autobahn Ulm-Karlsruhe standen und schon nach fünf Minuten ein Ordnungshüter angelichtert kam und uns barsch aufforderte, umgehend diese Stelle zu verlassen und sofort nach Hause zu Muttern gehen sollten und eine Bahnfahrkarte lösen wenn wir schon und überhaupt in ein fremdes Land reisen wollten, dann ordentlich und auf legalen Wegen, Autostopp sei in Deutschland verboten, ob wir das nicht wüßten. Da standen die Zeiger auf meiner Armbanduhr auf 10 vor 10 , die Sonne glitzerte kalt dem Zenit sich behaglich nähernd am 1. Juli 1967. Irgendwie kurvten wir mit einem Handwerker 1Stunde später durch das Nagoldtal und landeten dann in Freudenstadt, wo uns ein wohlmeinender Bürger riet, den Bus nach Kehl zu nehmen, was eine Krankenschwester beim Vorübergehen wohl ebenso gehört hatte. Sie nahm uns mit, weil sie just am späten Abend am dortigen neugebauten Krankenhaus zur Nachtschicht antreten sollte. Peter, der mit seinen 185 Zentimeter Körperhöhe wohl sehr attraktiv auf weibliche Hormone wirkte, hatte es ihr offensichtlich angetan. Aber, der war so was von Besenstielsteif, dass es mir peinlich wurde, und meine Versuche, dies mit meinem ganzen Charme und Witz auszugleichen, waren insoweit mäßig erfolgreich, als sie, mich musternd, ganz süß fand und wohl doch nicht so frustriert uns kurz vor dem Stadtpark in Kehl absetzte, da war es 8 Uhr abends und schwül warm, sie hatte mit dem schmalen -Zeigefinger nach oben gezeigt und bedeutend den Ton höher geschraubt, es wird wohl noch gewittern heut nacht, macht euch auf die Socken, gleich um die Ecke ist die Jugendherberge.



In Mans angelangt, hatte ich wenig Zeit, das Fahrrad in der schmalen Garage abzustellen, wo mir Jean-Louis knapp an dem wuchtigen Szenic vorbei den Platz vor dessen Kühlergrill zuwies und mit einer flach aufgeblasenen Luftmatratze das Auto vor Schäden sicherte, falls das Rad dann doch in der Nacht aus welchem Grund auch immer umstürzen sollte. Oben war im Eßzimmer der Tisch für uns 5 schon gedeckt. Sandrine und Georgette labten sich bereits am Apéro, einem Muscat und gesalzenen Erdnüssen mit Salzmandeln untermischt. Ein gekühlter Rosé de Provence belebte die Zunge und rötete die Gesichter. Sandrine berichtete von ihrer Tochter und deren neuem Partner, was insbesondere Georgette sehr interessierte. Dabei fragte mich Jean-Louis über meine Fahrt aus und wollte jedes Detail der Strecke wissen, da sie die Strecke im August in der Gegenrichtung also in die Nord-West-Spitze mit ihrem Töchterchen Nannette erradeln wollten, also bis nach Brest, um dort dann ein paar Tage Ouessant zu erkunden: ich gratulierte und wünschte vorauseilend schon viel Mut und Freude und erzählte sogleich mein Wildschwein-Abenteuer, das wiederum Nannette an meine Seite lockte.




Postkarte aus Lachen im Allgäu. „lieber Odo, habe soeben das „Maar“ Sandrine gezeigt und ihr die Geschichte von der Geburtshelferkröte erzählt. Du erinnerst dich? An den 1.Abend auf meiner Radtour? Und jetzt fällt mir dazu der Roman von Koestler ins Gedächtnis „Der Krötensammler“, mußt du unbedingt lesen. Hier wirst du meine These von der Ignoranz ist die Schwester der Arroganz“ wiederfinden und sie bestätigt sehen. Pfüati dein Mogli.“

Ansichtskarte aus Lissabon: lieber Odo, bin gerade auf den Spuren von Fernando Pessoa, seine „Tagebuch-Aufzeichnungen“ solltest du lesen. Bis bald mal wieder M.

Mogli beim betrachten eines Bildes. Eine Übung


In der alten Pinakothek in München stand Mogli im Saal der Deutschen Romantik lange vor einem Gemälde von Caspar David Friedrich. „Frau im Mondlicht“, eine weisse Frauengestalt , etwas überzeichnet in ihrer Schmalheit, schritt eher schwebend über einen vom fahlen Mondlicht ausgeleuchteten Waldweg, hoch und düster der Tann, vermischt wohl mit uralten Buchen und bizarren Eichen. Der schmale Weg glich einer Engführung in die Düsternis. Mogli war im Jahreskatalog der Alten Pinakothek aus dem Vorjahr zufällig auf die Abbildung des besagten Gemäldes gestoßen. Er nutzte nunmehr seinen freien Nachmittag, der ihm verblieb. Gerade gestern hatte er sein 35. Geburtstag gefeiert, der zufällig auf dieses Seminar-Wochenende fiel, zu dem der Beck-Verlag nach München geladen hatte, um dort eine kleine, interessante Schrift über die „Kurze Geschichte der Geheimsprachen“ vorzustellen. Eine kleine Runde ausgewählter Buchhändler aus dem gesamten Bundesgebiet traf sich nun im Alten Kellergewölbe des „Donisl“, jenem urbayrischen Bierlokal mitten am Stachus. Natürlich klang der Abend mit entsprechenden „Santé“ für Mogli erst weit nach Mitternacht in der Hotelbar aus, wo Mogli nicht nur Bier und Wein auf seine Kosten ausschenken ließ, sondern auch nicht wenige Gläschen alten Calvados' (nachdem er sich vorher vergewissert hatte, ob denn „sowas“ im Repertoire des Hotels vorhanden wäre, was dann der Oberkellner, dann im Vorzeigen einer 1,5 Literflasche nicht ohne Stolz bestätigte) Der darauffolgende Vormittag verlief dann eher im nichtssagenden Geplänkel, wobei dann der Cheflektor des belletristischen Beck-Verlages das Herbstprogramm schon vorstellte. Man bekam Druckfahnen und Erstandrucke auf den Tisch und zum Abschied ein Kompendium über die Kulturgeschichte der Donau, ein stattliches Exemplar, das den Teilnehmern ein vielfaches „Aah und Oooh“ entlockte. Der Nachmittag war also frei und da sein Zug erst gegen Abend fahren sollte, nutzte Mogli die Gelegenheit zu einem gemütlichen Spaziergang durch den Englischen Garten, um eben danach das Bildnis von der „Frau im Mondlicht“ zu betrachten. Noch hatte Mogli den Ruf des Buchfinks im Ohr, der hoch oben im Wipfel einer mächtigen Platane sein Lied schmetterte, das ihm dieses Mal aber sehr bayerisch intoniert vorkam, klang es doch nach „VUIZVUIGFUI“ (Wie bitte???) Ja, übersetzt ins Hochdeutsche bedeutet das „VielzuvielGefühl“. „Passt-scho“ würde dann der Münchner wieder sagen. Denn schließlich befinden sich die Buchfinken auf Brautschau, und nur derjenige mit dem kräftigsten Schlag erobert sich auch das schönste Weibchen, eben!! Noch all das im Ohr und im Kopf, fand er sich nun nach wenigen Minuten im besagten „Saal der Deutschen Romantik“ vor diesem doch sehr eindrucksvollen Bildnis, das um 1810 entstanden sein sollte. Dieses traumverlorene Wesen ganz in Weiß könnte aus einer Kleistschen Novelle entsprungen sein. Je länger du deine Augen auf dieser Figur weile läßt, um so mehr scheint sie dir zu entschwinden. Du suchst nach den Waldtauben, die eventuell hinter ihr hereilen, um Brotkrumen zu erhaschen? Silbern leuchten die hochstrebenden Buchenstämme im fahlen Mondlicht, der langgeschweifte Waldweg bietet wenig Anlass zum Entkommen; so liegt eine intensive Erotik in dieser scheinbaren einsamen Flucht. Und so ist es genau diese erotische Faszination, die dich zweifeln lässt an der Urheberschaft des CDF; denn es ist noch nicht einmal klar, ob es das Monogramm des Künstlers ist, so ist doch nur das C eindeutig als Buchstabe zu erkennen in diesem verschlungenen Gewirr der eingebundenen zwei anderen Buchstaben! Da du also nicht näher herantreten darfst, hatte doch beim ersten Versuch, nicht nur das erschreckend hochfrequente Fiepen der Alarmanlage dich zurückzucken lassen sondern auch zwei energische Hände der Museumswärterin dich zurückgerissen mit den mahnenden Worten , bitte unbedingt Abstand wahren!!! Du batest um Entschuldigung ob deines Übereifers und vebandest blitzschnell damit die Bitte, ob die zuständige Kustodin nicht Zeit fände, dir ein paar Fragen zu beantworten???


Nicht wahr? Das waren mehr als 5 Sekunden : stupste also eine kleine Kinderhand dich in die Seite und ein Mädchenmund flüsterte in dein linkes Ohr: C'est ma arriere-mère! Ich schaute erstaunt in die Gegenwart der hübschen Elaine, die sich an meine Seite gedrängt hatte und mit mir das großformatige Bild betrachtete. Das war das gleiche Bild, das ich vor 25 Jahren in der Münchener Pinakothek betrachtet hatte, immer im Zweifel, ob das ein Caspar David Friedrich sei, und hier in dieser ehemals klösterlichen Abgeschiedenheit bekam ich nun eine Familiengeschichte übereicht , die weit in jene Zeit der Deutschen Romantik zurückreichte, es stellte die Gründerin dar, die 1815 mit ihrem aus der Schweiz stammenden Mann die „Toile de Mayenne“ gründete. Mein Herz raste im Erinnerungssog. „Das Original hängt im „Alten Salon“ , sagte Ina, die gerade an den Tisch herantrat , um mir den Tee einzuschenken. Nur der Anstand und die Tatsache, dass sich die kleine Elaine an meiner linken Seite hielt , hielten mich davon ab, hastig aufzuspringen, um in den besagten Salon zu eilen.

So nahm ich denn erst einen Schluck des Grünen Jasmin und hielt die dünne Porzellan-Schale meine Finger wärmend mit beiden Händen umschlossen.

Tu peu lui montrer“, wandte Ina sich an Elaine, die mich schon eifrig am Ärmel zupfte.

 


31.1.16 17:03

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